Leitfadenentwicklung
Die Entwicklung eines Interviewleitfadens als zirkulärer Prozess

Ausgangspunkt bei der Leitfadenentwicklung sind immer die Forschungsfrage und die Befragten. Interviewfragen werden zu jenen Aspekten formuliert, über die wir etwas Neues erfahren wollen. Bei der Beantwortung dieser Fragen produzieren die Befragten letztendlich Informationen, die wir in Form von Text analysieren und interpretieren, um die Forschungsfrage zu beantworten.

Der Interviewleitfaden ist ein flexibles Instrument. Er gibt Orientierung bei der Interviewführung und berücksichtigt unterschiedliche Situationen, zum Beispiel, wenn unser Gegenüber eher wenig oder viel redet.

Der Forschungsprozess in der qualitativen Sozialforschung ist zirkulär. Damit ist gemeint, dass eine bestimmte Folge von Forschungsschritten mehrmals durchlaufen wird und der jeweils nächste Schritt von den Ergebnissen des jeweils vorherigen Schrittes abhängt. Es werden zunächst wenige nächste Schritte geplant, weil jeder davon Konsequenzen für das weitere Vorgehen und und die Modifikation der Fragestellung haben kann. Das bedeutet, dass alle Entscheidungen (Erhebungsverfahren, Sampling-Entscheidungen, Auswertungsverfahren, etc.) vorläufig getroffen werden. Zu Beginn der Forschung liegt nur ein ungefähres Vorverständnis über den Forschungsgegenstand vor, auf dessen Basis die ersten Forschungsschritte geplant werden.

Struktur und Flexibilität eines Interviewleitfadens

Ein guter Leitfaden hat eine bestimmte Struktur, die einem „natürlichen“ Erzählfluss folgen soll. Üblicherweise wird mit allgemeineren Fragen begonnen, später im Gespräch werden die Fragen spezifischer. Auch wenn die Struktur wesentlich ist, soll der Leitfaden als flexibles Instrument entwickelt und eingesetzt werden, indem er Orientierung bei der Interviewführung gibt und unterschiedliche Situationen berücksichtigt.

Offenheit

In der qualitativen Sozialforschung müssen Forscher*innen eine offene Haltung gegenüber dem Forschungsgegenstand einnehmen. Das bedeutet für Interviews, dass nicht bereits zurechtgelegte Theorien und Hypothesen abgefragt werden, sondern die Fragen so gestellt werden, dass sie offen für neue Ideen und Aspekte des Themas sind. Es geht beim Leitfaden darum, einen Kompromiss zu finden: Die Fragen sollen einerseits so offen und flexibel wie möglich sein, andererseits so strukturiert wie aufgrund des Forschungsinteresses notwendig.

Interviewvorbereitung

Vor dem Interviewtermin sollten folgende Fragen geklärt werden:

  1. Wie komme ich zu meinen Interviewpartner*innen?
  2. Was muss ich im Vorfeld alles organisieren?
  3. Was muss ich zwecks Datenschutz beachten? Brauche ich eine Einverständniserklärung von meinen Interviewpartner*innen?
Rekrutierungsstrategien

Es geht in der qualitativen Sozialforschung immer um eine bestimmte Auswahl von Fällen, die den vorher festgelegten Kriterien entsprechen. Für die Kontaktaufnahme zur Rekrutierung von potentiellen Interviewpartner*innen bieten sich verschiedene Strategien an (vgl. Kruse, 2013; Przyborski, 2014):

  • Schneeballsystem: Es wird eine Person angesprochen, der wiederum andere für Interviews in Frage kommende Personen ansprechen soll, die wiederum andere ansprechen sollen etc. Es ist dabei zu beachten, dass mit dieser Strategie gewisse soziale Bereiche womöglich nicht erfasst werden können und es zu systematischen Verzerrungen kommen kann. Diese müssen reflektiert werden.
  • Multiplikatoren/Gatekeeper: Multiplikatoren oder Gatekeeper („Türsteher“) sind Personen, die über viele Kontakte oder ein großes Netzwerk relevanter Personen verfügen. Sie werden gebeten, passende Interviewpersonen in einer Institution/Organisation herauszufinden oder direkt anzusprechen/anzufragen. In der Regel wird diesen Personen innerhalb ihrer sozialen Kreise vertraut und sie können dadurch mögliche Interviewpartner*innen besser zur Teilnahme an einem Interview motivieren. Gatekeeper/Multiplikatoren nehmen natürlich eine Selektion möglicher Gesprächspartner vor, die in ihrem Interesse ist, z. B. um ihr Unternehmen in ein besonders gutes Licht zu rücken. Diese Tendenzen müssen reflektiert werden.
  • Direkte Recherchestrategien: Passende Gesprächspartner*innen werden über Telefonbuch, Internetpräsenzen wie Webseiten, Mailing-Listen, Foren, Anzeigen in Zeitschriften oder Pick-up (direktes Ansprechen vor Ort) rekrutiert.
  • Gestufte und kombinierte Verfahren: Es werden verschiedene Strategien gleichzeitig oder nacheinander verfolgt, um einerseits möglichst unterschiedliche Interviewpersonen zu erreichen (Heterogenität sichern) und um andererseits mögliche Verzerrungen durch einzelne Strategien auszugleichen.
  • Persönliche Kontakte: Bekannte oder befreundete Personen sollten nur in Ausnahmefällen rekrutiert werden, da aufgrund des geteilten Kontextwissens davon auszugehen ist, dass sie dem persönlichen Verhältnis und dem gemeinsamen Erfahrungshorizont entsprechend antworten. Das heißt beispielsweise, dass sie gewisse Dinge nicht ansprechen, da sie als selbstverständlich angenommen werden. Dadurch ist man bei der Interpretation der Interviewdaten befangen und die Analyse sollte dementsprechend von einer anderen Person durchgeführt werden. Für Probeinterviews oder einen Vortest des Leitfadens ist die Arbeit mit nahestehenden Personen hingegen weniger problematisch.
Die erste Kontaktaufnahme mit potenziellen Interviewpartner*innen

Bei der ersten Kontaktaufnahme mit den potenziellen Interviewpartner*innen wird bereits die Basis für die soziale Beziehung im Interview aufgebaut. Diese beinhaltet die Festlegung der Kommunikationsart für das Interview (telefonisch, schriftlich, persönlich) und erste Informationen über die soziale Umwelt der Befragten, die einen wichtigen Bestandteil der Analyse des sozialen Systems der Interviewten darstellen. Im Zuge der ersten Kontaktaufnahme sollte die kontaktierte Person jedenfalls über folgende Punkte informiert werden (vgl. Froschauer/Lueger, 2003; Przyborski, 2014):

  • Kurzvorstellung Ihrer Person und Institution
  • Kurzvorstellung des Projekts, Ziel und Zweck der Untersuchung
  • Warum diese Person ausgewählt/kontaktiert wurde
  • Erwartungshaltung an die Interviewten
  • Inwiefern die Untersuchung im Interesse der interviewten Person sein könnte
  • Zeitlicher Rahmen der Studie und des Interviews
  • Einverständnis bezüglich Aufnahme (Tonträger, Video etc.)
  • Zusicherung der Anonymität/Datenschutz
  • Etwaige Incentives
  • Etwaige Information über Feedback zu den Ergebnissen

Vor dem Interview
Um eine mögliche Beeinflussung oder Vorstrukturierung der Interviews anhand der Interessen der Forscher*in zu vermeiden, empfiehlt es sich, möglichst wenig über das persönliche Erkenntnisinteresse zu erzählen. Daher sollte auch das Versenden des eigentlichen Leitfadens vermieden werden. Es empfiehlt sich, bei Nachfrage grobe inhaltliche Themen bekanntzugeben, aber keine konkreten Fragen.

Falls die Kontaktaufnahme per E-Mail erfolgt, hat es sich bewährt, bei Zusage dem Antwortschreiben auch die Einverständniserklärung beizulegen. Vor allem wenn die Interviews telefonisch oder online stattfinden, empfiehlt sich diese Vorgehensweise, da in diesen Fällen der Versand und die Retournierung der unterschriebenen Einverständniserklärung vor dem eigentlichen Interviewtermin erfolgen sollte.

Einverständniserklärung

Die Einverständniserklärung ist die informierte Einwilligung der Teilnehmer*innen einer Studie. In der Regel ist im Zuge einer akademischen Forschungsarbeit immer eine solche informierte Einwilligung aller Teilnehmenden (hier: Interviewpartner*innen) erforderlich, die zur Absicherung aller Parteien üblicherweise schriftlich erfolgt. In Ausnahmefällen sind mündliche Einwilligungen möglich, die audioaufgezeichnet werden sollten.

Eine Einverständniserklärung sollte die folgenden Punkte enthalten:

  • Zweck des Interviews
  • Kurze Beschreibung des Forschungsprojektes
  • Hinweis, dass die Teilnahme freiwillig ist, verweigert und jederzeit abgebrochen werden kann, ohne dass daraus Nachteile entstehen
  • Informationen zu Datenschutz und Anonymisierung, z. B. Zusicherung, dass
    • die Informationen vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben werden
    • die Daten anonymisiert oder pseudonymisiert werden, sodass keine Rückschlüsse auf die Person getroffen werden können
    • die Aufnahmen nach Beendigung des Forschungsprojektes/der Qualifizierungsarbeit gelöscht werden (Achtung: an Hochschulen gelten möglicherweise individuelle Fristen für die Aufbewahrung der verwendeten Rohdaten für Abschlussarbeiten. Bitte erkundigen Sie sich diesbezüglich bei Ihrer/m Betreuer*in.)
    • auf die DSGVO hingewiesen wird und die Einwilligung jederzeit widerrufen werden kann

Interviewpartner*innen erteilen ihr Einverständnis, dass das Interview aufgezeichnet werden darf, durch ihre Unterschrift und erst danach darf Audio/Video aufgezeichnet werden.

Ein Muster für eine Einwilligungserklärung finden Sie hier. (Stand: Juli 2020).

Tipps & Tricks für die Einverständniserklärung

  • Einige Interviewpartner*innen stehen der Unterzeichnung einer Einverständniserklärung womöglich skeptisch gegenüber. Hier empfiehlt es sich, sensibel vorzugehen und die Inhalte der Einverständniserklärung mit einfachen Worten zu erklären. Meist hilft es, zu verdeutlichen, dass es vorrangig um den Schutz der Interviewpartner*innen selbst geht, dass die Daten ausschließlich im Rahmen des Projektes verwendet werden und nicht weitergegeben werden (dürfen). Es empfiehlt sich auch zu erklären, warum das Interview aufgezeichnet wird, z. B. „weil ich nicht so schnell alles mitschreiben kann und damit ich mich besser auf das Gespräch konzentrieren kann“. Es lohnt sich auch zu betonen, dass keine Namen genannt werden und das Gespräch jederzeit abgebrochen werden kann, ohne dass dadurch Nachteile entstehen.
  • Achten Sie darauf, dass Ihre Einverständniserklärung die wichtigsten Eckpunkte enthält, aber möglichst wenig (keinen unnötigen) Text umfasst.
  • Nehmen Sie bei persönlichen Interviews Einverständniserklärungen immer in doppelter Ausführung mit. Ein Exemplar sollte bei der/dem Interviewpartner*in bleiben.
  • Es empfiehlt sich, auf die Einverständniserklärung Ihre Kontaktdaten zwecks Rückfragen und Erreichbarkeit nach dem Interview anzugeben. Alternativ kann Informationsschreiben (Studieninformation) beigelegt werden, in dem das Forschungsprojekt näher beschreiben wird und Ihre Kontaktdaten enthalten sind. Falls vorhanden, können Sie alternativ Ihre Visitenkarte beilegen.
Setting und Räumlichkeiten

Bei der Vorbereitung der Interviews ist zu bedenken, dass für jeden Ort eigene Vorkehrungen getroffen werden müssen. Folgende Erhebungsorte bieten sich an, wenn sie genügend Privatsphäre und Ruhe für eine Interviewaufzeichnung bieten:

  • Privates Umfeld, z. B. Wohnung der/des Interviewpartner*in
  • Institution, die für die/den Interviewte*n Bedeutung hat, z. B. Arbeitsplatz, Büro oder Ort im Betrieb, im dem die Person angestellt ist
  • Institution, in der die/der Forscher*in beschäftigt ist, z. B. Büro oder Seminarraum der Hochschule
  • Öffentlicher Raum, z. B. ein wenig besuchter Ort im Park oder in einem Kaffeehaus
  • Ein Ort im privaten Umfeld der/des Forscher*in

Auswahl eines adäquaten Interviewortes
Zentrales Auswahlkriterium bei der Entscheidung für einen Erhebungsort ist die Berücksichtigung von Quantität und Qualität des zu erwartenden Gesprächs. Eine Grundvoraussetzung ist demzufolge eine für die/den Interviewpartner*in möglichst angenehme und störungsfreie Umgebung. Es empfiehlt sich, den Erhebungsort im Vorfeld anzusprechen, einen passenden Ort vorzuschlagen oder gezielt nach Präferenzen zu fragen. Je nach Forschungsfrage und Umstand können bestimmte Umgebungen Vor- oder Nachteile für das Gespräche mit sich bringen, die es im Vorfeld individuell auszuloten gilt.

Angenehme Gesprächsatmosphäre schaffen
Um eine möglichst angenehme Atmosphäre zu schaffen, können beispielsweise Getränke und Snacks bereitgestellt werden. Wichtig ist es, der/dem Interviewpartner*in seine ungeteilte Zuwendung und Aufmerksamkeit zu signalisieren. Dazu gehört in erster Linie, genügend Zeit für das Interview anzuberaumen. Es lohnt sich, extra Zeit z. B. für offene Fragen oder um sich Notizen zu machen einzuplanen.

Das Interview im gewohnten Umfeld der interviewten Person abzuhalten kann den Vorteil haben, zusätzliche Einblicke in das Umfeld der/des Interviewten zu erhalten. Beispielsweise kann man vor Ort anhand gewisser Symbole, Gegenstände oder Verhaltensweisen etwas über das Betriebsklima oder die Lebenssituation erfahren. Diese Eindrücke sollten möglichst schriftlich festgehalten werden, da sie im Zuge der Datenauswertung und Interpretation relevant sein können.

Grundlagen Aufnahmetechnik

Damit man technisch ausreichend auf die Aufnahme der Interviews vorbereitet ist, sollte man sich über geeignete Aufnahmegeräte und deren Funktionsweise informieren, z. B. auf einschlägigen Internetseiten wie https://www.audiotranskription.de/

Unabhängig von der gewählten technische Lösung ist im Vorfeld zu beachten:

  • Die Umgebung sollte sich für eine gute Qualität der Aufzeichnung eigen. Das heißt, stille Räume werden bevorzugt gewählt, Fenster und Türen vor Aufnahmestart geschlossen und potenzielle Lärmquellen ausgeschaltet, z. B. Smartphones lautlos gestellt.
  • Aufnahmespektrum und Klangqualität des Geräts und ggf. der genutzten Software sollten bestenfalls im jeweiligen Setting/Raum vorab getestet werden. Die Aufnahmequalität muss so gut sein, dass das Gespräch im Anschluss wortwörtlich transkribiert werden kann. Im Fall von Mehrpersonengesprächen kann der Einsatz eines zusätzlichen externen Mikrofons von Vorteil sein.
  • Für die Aufnahme muss ein Speicherformat (MP3, MP4, WAV, WMA) gewählt werden, das mit der Transkriptionssoftware, die im Anschluss verwendet wird, kompatibel ist. Bestenfalls testet man die Transkription mit einer Testaufnahme vorher, um fehlerhafte Einstellungen zu vermeiden.
  • Es muss ausreichend Speicherplatz zur Verfügung stehen, auch wenn die Aufnahme länger dauert als geplant.
  • Das Aufnahmegerät sollte vor jedem Gesprächstermin vollständig aufgeladen werden. Vor dem Gespräch selbst stellt man sicher, dass genügend Akku/volle Batterien und ggf. Ersatzbatterien (vor allem beim Einsatz von älteren digitalen Aufnahmegeräten) vorhanden sind. Wenn möglich, kann ein Ersatzgerät genutzt werden.
  • Vor Aufnahmestart positioniert man das Aufnahmegerät so, dass das Mikrofon auf die/den Interviewpartner*in ausgerichtet ist und stellt sicher, dass das Gerät nicht wackelt, herunterfallen oder von störenden Objekten blockiert werden kann. Es sollte möglichst nichts in der Nähe des Aufnahmegerätes platziert werden, das Störgeräusche verursacht (z. B. Papierrascheln, Getränke). Bei der Auswahl von Snacks ist darauf zu achten, dass diese keine störenden Geräusche verursachen (z. B. Chips vermeiden).
  • Vor der ersten Nutzung eines neuen Geräts und neuer Software sollte man sich mit diesen gut vertraut machen. Dazu testet man im Vorfeld alle notwendigen Funktionen. Es ist für den Gesprächsverlauf üblicherweise störend und wirkt ablenkend, wenn der Fokus zu lange auf die Technik/das Gerät gelenkt ist.
  • Es lohnt sich, das Aufnahmegerät so zu positionieren, dass man während des Interviews einfach prüfen kann, ob tatsächlich aufgezeichnet wird.

Aufzeichnung von Online- und Telefoninterviews
Die Aufnahme eines Online-Interviews kann grundsätzlich über die im Zuge des Interviews benutzte Software erfolgen, z. B. MS Teams, Zoom, Google Meet. Darüber hinaus gibt es kostenlos zum Download verfügbare Audio- (z. B. Audacity) und Video-Aufzeichnungsprogramme (z. B. Camtasia, OBS Studio, Camstudio). Die verwendete Software muss der DSGVO entsprechen. Es empfiehlt sich vor der Installation aktuelle Testberichte und Bewertungen zu lesen.

Die Aufnahme eines Telefongesprächs kann über einschlägige Apps direkt über das Smartphone erfolgen. Rechtliche Aspekte, z. B. die Einhaltung der DSGVO, und praktische Aspekte zur Handhabung sind bei der Wahl einer passenden App zu beachten. Wir raten daher grundsätzlich davon ab, Gespräche mit dem Smartphone aufzuzeichnen, da diese oft über andere Apps mit anderen Cloud-Diensten vernetzt sind und so die Gefahr besteht, dass die Daten nicht DSGVO-konform gespeichert werden oder (ungewollt) für Dritte zugänglich sind.

Aktueller technischer und rechtlicher Stand
Sowohl die technischen Möglichkeiten der Aufnahme als auch die datenschutzrechtlichen Rahmenbedingungen unterliegen einem stetigen Wandel. Bitte informieren Sie sich daher diesbezüglich immer über den aktuellen Stand und halten Sie mit Ihrer Betreuung oder Ihrem Forschungsteam Rücksprache.

Literatur

Froschauer, Ulrike/Lueger, Manfred (2003). Das qualitative Interview – zur Praxis interpretativer Analyse sozialer Systeme. Wien: WUV Universitätsverlag (UTB). 

Kruse, Jan (2004). Reader zum Seminar „Einführung in die qualitative Sozialforschung/Biografieforschung“. Freiburg: o.V. Online

Kruse, Jan (2020). Stichwortartikel zu Qualitative Rekrutierungsverfahren. In Friedrich Dorsch/Markus Antonius Wirtz/Hartmut O. Häcker/Kurt Stapf (Hrsg.). Dorsch – Lexikon der Psychologie (19., überarbeitete Auflage) Bern: Huber.

Przyborski, Aglaja/Wohlrab-Sahr, Monika (2014). Qualitative Sozialforschung: Ein Arbeitsbuch (4. Aufl.). München: Oldenbourg.

Interviewdurchführung
Gesprächseinstieg & Start des Interviews
  • Small Talk führen (z. B. zu Anreise, Gebäude, Gegend, etc.)
  • Thema und Ziel der Arbeit kurz vorstellen/zusammenfassen
  • Auswahl der Interviewpartner*innen erläutern:
    • Anzahl der geplanten/durchgeführten Interviews
    • Auswahlkriterien (Position, Tätigkeit, etc.)
    • Wieso die/der aktuelle Interviewpartner*in die Auswahlkriterien erfüllt ("Wieso gerade ich?")
  • Erklärung, was im Interview wichtig ist (z. B. „Ihre Ansichten und Meinungen“)
  • Geplante Interviewdauer (circa) angeben
  • Anonymität zusichern
  • Einverständniserklärung kurz erläutern und unterzeichnen lassen
  • Möglichkeit geben, Fragen zu stellen
  • Aufnahme starten
Flexible und offene Interviewführung
  • Leitfaden „loszulassen“, besser vor dem Interview gut verinnerlichen und nur zur Orientierung verwenden
  • Situativ auf die/den Interviewpartner*in reagieren
  • Keine Suggestivfragen stellen; besser viele Nachfragen vorbereiten (auch auf der Basis bereits geführter Interviews)
Non- und paraverbale Kommunikation
  • Auf die Körpersprache achten: non- und paraverbale Signale beeinflussen das Gegenüber und den Gesprächsfluss und sollten daher gezielt eingesetzt werden
  • Verbale Rückmeldesignale wie z. B. „verstehe“, „ok“ und „aha“ zeigen der/dem Interviewten, dass Sie aufmerksam zuhören
Positive Körpersprache, die die Gesprächsatmosphäre verbessert
  • Körperliche Zuwendung (Sitzhaltung, Anordnung der Sessel)
  • Ruhige, aber nicht starre, angespannte Körperhaltung
  • Blickkontakt
  • Freundlicher Tonfall
  • Gesten wie Zunicken, Zulächeln
  • Rückmeldesignale wie "verstehe", "aha", "ok"
  • Pausen aushalten
Negative Körpersprache, die die Gesprächsatmosphäre verschlechtert
  • Sich körperlich abwenden
  • Motorische Unruhe, Ablenkung
  • Blickkontakt meiden oder oft abbrechen
  • Unfreundlicher Tonfall, z. B. distanziert, überlegen, bewertend
  • Langeweile, Desinteresse, Zweifel zeigen, z. B. Augenbrauen hochziehen, Stirnrunzeln
  • „Tempo machen“, unterbrechen, auf die Uhr sehen
Fragestile
  • Mehrere Fragen direkt hintereinander vermeiden
  • Nicht mehrere Aspekte in eine Frage packen (stattdessen Einzelfragen)
  • Fragen eindeutig formulieren
  • Geschlossene (Ja/Nein) Fragen vermeiden
  • Suggestivfragen vermeiden
Redefluss
  • Wenn die Interviewpartner*innen länger vom Thema abschweifen, höflich und wertschätzend unterbrechen und zur Frage zurückführen
  • Pausen können als Zeichen des Nachdenkens oder von Unsicherheit, ob weitergesprochen werden soll, interpretiert werden. Längere Pausen „gewöhnen“ die Erzählperson daran, die Last der Erzählung allein zu tragen. Als Interviewende*r ist es daher besonders wichtig, Pausen zu ertragen.
Gesprächsabschluss
  • Faktenabfragen, z. B. nach soziodemographischen Daten oder allgemeine Fakten zum Unternehmen besser am Ende des Gesprächs
  • Gespräche "zwischen Tür und Angel" enthalten oft wichtige Daten für die Analyse und Interpretation. Informationen und Eindrucke daraus hält man am besten unmittelbar nach dem Interview in einem Interviewprotokoll fest.

Was mache ich wenn...

  • das Aufnahmegerät nicht funktioniert?
    Es empfiehlt sich, den Termin zu verschieben oder möglichst viel mitzuschreiben. Das Problem bei Mitschriften ist, dass die Interviewdaten für die Analyse nicht ergiebig genug und oft zu ungenau sind. Man kann sich zudem nicht gut auf das Gespräch selbst konzentrieren, was zu einem Qualitätsverlust der Interviewdaten führt.
  • das Interview unterbrochen wird, z. B. durch eine eintretende Personen, dringende Telefonate, unerwartete Geräusche?
    Ich pausiere das Gespräch und versuche nach der Unterbrechung, das Gespräch zurück auf die Fragestellung oder die Antwortpassage zu lenken.
  • mein/e Interviewpartner*in sagt, dass sie/er nicht aufgenommen werden möchte, aber trotzdem das Interview geben will?
    Es empfiehlt sich, möglichst viel mitzuschreiben. Das Problem bei Mitschriften ist, dass die Interviewdaten für die Analyse nicht ergiebig genug und oft zu ungenau sind. Man kann sich zudem nicht gut auf das Gespräch selbst konzentrieren, was zu einem Qualitätsverlust der Interviewdaten führt. Es empfiehlt sich deshalb, eine/n weitere/n Interviewpartner*in zu rekrutieren.
  • ... mein/e Interviewpartner*in meine Frage nicht beantwortet?
    Ich gehe im Gespräch zur nächsten Frage über. Möglicherweise stelle ich dieselbe Frage später mit anderen Worten nochmals. Nach dem Interview versuche ich zu reflektieren, woran die Nichtbeantwortung liegen könnte, z. B. Tabu, Beisein anderer, unklare Formulierung der Frage. Für kommende Interviews formuliere ich die Frage möglicherweise um.
  • ... mein/e Interviewpartner*in nur sehr kurze Antworten gibt oder nicht in den Redefluss kommt?
    Ich versuche, eindeutige und kurze, aber dennoch offene Fragen zu formulieren. Vielleicht geht es in meinen Fragen um ein Tabu- oder schwieriges Thema, dann kann es sein, dass mein/e Interviewpartner*in etwas Zeit braucht, um sich zu öffnen. In diesem Fall hilft es, eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen, Interesse zu zeigen (aktives Zuhören) und Pausen auszuhalten, auch wenn diese unangenehm scheinen.
  • ... mein/e Interviewpartner*in Dinge anspricht, die ich eigentlich gerne an anderer Stelle oder in einem anderen Kontext abgefragt hätte?
    Das ist oft der Fall und stellt kein Problem dar. Die Reihenfolge der Fragen ist meist nicht relevant. Deshalb akzeptiere das vorgegebene Thema und stelle dementsprechend meine Nachfragen, um das Thema auszuschöpfen. Wichtig ist, dass am Ende des Gesprächs alle Fragen/Themen abgedeckt oder zumindest angesprochen wurden.
  • ... alle Fragen schon in der Hälfte dafür vorgesehen Zeit beantwortet worden sind?
    Manche Interviews kürzer sind als andere. Telefoninterviews sind beispielsweise in der Regel kürzer als persönliche Interviews. Nach einem Interview lohnt sich eine Reflexion über mein Verhalten und meinen Fragestil, um Aspekte zu finden, die verbessert werden können. Daten aus kurzen Interviews kann ich trotzdem verwerten. Wenn sich herausstellt dass die Daten nicht ergiebig genug sind, sollte ich eine/n zusätzliche/n Interviewpartner*in rekrutieren.
  • ... mein/e Interviewpartner*in mir Fragen zum Projekt stellt, anstatt meine Fragen zu beantworten?
    Ich sollte grundsätzlich jede Frage meiner/s Interviewpartner*in ernst nehmen und so gut wie möglich beantworten. Dies schafft eine gute zwischenmenschliche Beziehung und damit Gesprächssituation. In der Regel werden Fragen zum Projekt zu Beginn des Treffens, nachdem ich das Projekt beschrieben habe, gestellt. Deshalb ist es wichtig, dass ich vor Beginn des Interviews nachfrage, ob es Fragen gibt bevor wir mit dem Interview beginnen. Auch unmittelbar nach dem Interview werden oft Fragen zum Projekt gestellt. Meistens geht es um die Verwertung und die Veröffentlichung der Ergebnisse. Dazu sollte ich mir im Vorfeld Gedanken machen. Falls Fragen zum Projekt während des Interviews auftauchen, versuche ich diese, je nach Situation, entweder sehr kurz zu beantworten und wieder auf die ursprüngliche Frage zurückzukommen oder ich notiere mir die Frage mit der Bemerkung, dass ich diese (und andere) Fragen gerne am Ende beantworten werde.
  • ... mir mein/e Interviewpartner*in vor oder nach dem Interview relevante Dinge erzählt, aber das Aufnahmegerät nicht eingeschalten ist?
    Ich nehme mir unmittelbar nach dem Interview genügend Zeit, um Eindrücke zu notieren (Interviewprotokoll). Diese Notizen beziehe ich bei der Analyse und Interpretation der Daten mit ein.
Literatur

Flick, Uwe (2016). Qualitative Sozialforschung: eine Einführung (7.). Reinbek bei Hamburg: Rowohlt. 

Froschauer, Ulrike/Lueger, Manfred (2003). Das qualitative Interview – zur Praxis interpretativer Analyse sozialer Systeme. Wien: WUV Universitätsverlag (UTB). 

Helfferich, Cornelia (2011). Die Qualität qualitativer Daten: Manual für die Durchführung qualitativer Interviews. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Przyborski, Aglaja/Wohlrab-Sahr, Monika (2014). Qualitative Sozialforschung: Ein Arbeitsbuch (4. Aufl.). München: Oldenbourg.

Last modified: Tuesday, 4 August 2026, 11:20 AM